Es gehört eine Portion Wahnsinn dazu, sich um acht Uhr früh bei eisigem Wind (ja, das Wetter ist hier nun endgültig sch…) eine Stunde anzustellen, nur um ja in die Joaquin Phoenix-Doku zu kommen, die unsinnigerweise im kleinsten Saal gezeigt wird.
Ich gehörte heute früh zu den 150 Wahnsinnigen. Nur um mir anzuschauen wie ein talentierter Schauspieler in 106 Minuten für immer sein Leben und seine Karriere zerstört. „I’m Still Here“ ist der Titel, aber am Wahrheitsgehalt darf gezweifelt werden. Phoenix verkündete vor zwei Jahren, dass er seine Schauspielkarriere zugunsten einer HipHop-Laufbahn für immer aufgeben wolle. Die meisten hielten das für einen Scherz. Oder eine wohl kalkulierte PR-Kampagne.
Die Doku zeigt, dass es ihm durchaus ernst war.
Ich gebe zu, ich habe selten einen Film gesehen, der sich so real anfühlte. But it was like watching a trainwreck, wie die Amerikaner sagen. Phoenix kokst, dreht durch, brabbelt unverständliches Zeug, kotzt mehrmals und schlimmeres, und am Ende der nicht mal zwei Stunden will man nichts als eine Dusche. Eine, die der Star selbst dringend nötig hätte. Wie es so schön heisst im Film: “He didn’t give up acting. He just gave up shaving.” Es ist fast so, als würde er von der Leinwand stinken. P.Diddy alias Sean Combs ist in einigen Szenen zu sehen, wie er versucht das Musicbusiness zu erklären. Und dass JP keinerlei Talent zum HipHop-Star hat.
Die Doku wird als Skandal gehypt, aber sie ist viel schlimmer: sie ist das Psychogramm eines kompletten Meltdowns, der Zusammenbruch eines Stars, der menschlich nie eine Chance auf ein ruhiges, glückliches Leben hatte. Dessen Eltern Mitglieder eines Kults waren, die ihre Kinder – kaum konnten sie stehen – als Band auf die Strassen von Südamerika schickten. Was seinen Bruder River früh killte, tötet Joaquin langsam. Und dabei zuzusehen schmerzt.
Der Regisseur von „I’m Still Here“ ist Casey Affleck, Ben’s jüngerer Bruder und durch seine Ehe mit Summer Phoenix, der Schwager des Schauspielers. Filmisch ist ihm ein Meisterwerk gelungen, doch menschlich muss man sich fragen, wie er – als Freund und Familienmitglied – diesem Irrsinn zusehen kann. Er konnte diese Frage, als ich sie ihm stellte, nicht beantworten.
Vielleicht schafft Phoenix wie der Phoenix aus der Asche ein Comeback a la Marlon Brando. Talent dazu hätte der Oscarpreisträger. Für jeden Regisseur und Produzenten, der die Doku sieht, ist er jedoch derzeit nicht zu versichern.
Phoenix treibt sich irgendwo in Venedig herum, sagt Casey Affleck. Gesehen hat ihn noch keiner. Und der Regisseur kann nur hoffen, dass er sich heute abend wenigstens am roten Teppich zeigt. Am besten rasiert.

Die Cangianos mischen die Modeszene ganz schön auf. Auch Wien ist nach ihrem Geschmack.
Schade wärs um ihn. Vielleicht findet sich doch noch jemand, der ihm so beisteht, dass er die Füsse wieder auf den Boden kriegt.