Meine Oscar-Woche Teil 4

Teil 4

Trüffeln um $ 35.000, Barbra Streisand auf Flüssigdiät, der „Deutschösterreicher Waltz“ und andere Unfassbarkeiten.

Das Oscar-Weekend begann Samstag mit einem großartig organisierten Brunch von Montblanc zugunsten von UNICEF im wunderbaren Bel Air Hotel, wo Hilary Swank über ihre Äthiopienreise referierte und sich Gäste und Stars wie Christopher Lambert, Alfre Woodard, Jane Seymour, Danny Huston und Stacy Keach am reichhaltigen Frühstücksbuffet delektierten und noch nicht unter dem unerträglichen Trinkzwang litten, der bei abendlichen Events unvermeidbar ist.

Am frühen Nachmittag Recherche in Sachen „Was kostet Oscar“. Nicht die Statue, sondern die ganze Veranstaltung. Unglaubliche Ergebnisse. Wolfgang Puck gibt für die weißen Trüffeln, die er beim Governors Ball serviert allein $ 34.800 aus. Und verrechnet das natürlich der Academy. Die Briefumschläge mit den Namen der Gewinner kosten 15.000, die Oscarstatuen 45.000, der rote Teppich 25.000. Die Showproduzenten kassieren Gagen in sechsstelliger Höhe. Dagegen nimmt sich das Honorar für Moderator Seth MacFarlane für läppische 15.000 geradezu armselig aus. Und Adele und Norah Jones kriegen gar nur 3.500 für ihre Live-Auftritte. Barbra Streisand hingegen 5.000. Unterschiede müssen sein.

Apropos Baabwah: Miss Streisand hat in Vorbereitung auf ihren seltenen Oscar-Gesangsauftritt eine 21-tägige Flüssigdiät hinter sich. Wieviel Pfunde sie dabei abspeckte, ist nicht bekannt. Die Anzahl der Stylisten, die sie unter Fixvertrag voll bezahlt, jedoch schon – sieben. Außerdem hat die Diva 12 Roben zur Auswahl.

Die angenehmste Fete des Tages fand in Robert Dornhelms Malibu-Villa statt, wo der Regisseur nicht nur großartig mexikanisch aufkochte, sondern wieder einmal eine höchst eklektische Runde zusammenstellte: Malcolm McDowell, Cheech Marin, Eva LaRue, Francesca Habsburg, Marina Abramovic und Ed Ruscha – einer meiner Lieblingsmaler, den ich mir leider nicht leisten kann – teilten Ceviche und fantastische Gurken-Jalapeno-Margaritas mit Filmkomponist und Produzent Harald Kloser, der neuen Chefin des ORF-Büros Washington Hannelore Veit und Kulturministerin Claudia Schmied. Die Stimmung war relaxt, die Gespräche interessant.

Was man von einer Filmstudioparty am späteren Abend dann nicht behaupten konnte: Unfassbar, auf welchem Planeten manche Leute leben. Da bestand die Societyreporterin eines deutschen Buntpapiers gemeinsam mit ihrer enervierenden Kollegin doch glatt darauf, dass Christoph Waltz es ohne die hochqualitativen Spielfilme des deutschen Fernsehens nie und nimmer zum Weltstar geschafft hätte. WTF?! Waltz‘ Talent und Tarantino anyone??? Hochqualitative deutsche TV-Filme?! Meinen die etwa Tatort?! Ich befand mich hier eindeutig in einer Twilight Zone ungeahnten piefkenesischen Ausmaßes, das sogar die Bezeichnung „Deutschösterreicher Waltz“, mit der ein weiteres deutsches Bilderbuchpapier kürzlich titelte, in den Schatten stellte.

Und weil wir schon bei Twilight sind: Der bescheuerte Teeniefilm räumte die Razzies für „schlechtestes“ in allen Kategorien ab. Die „Sieger“ blieben der Verleihung fern. Im Gegensatz zu Halle Berry und Sandra Bullock, die in den Vorjahren die Größe hatten, sich ihre Goldenen Himbeeren mit viel Humor persönlich abzuholen.


Swank mit Rosario Dawson und Emmy Rossum


Puck mit teuren Köstlichkeiten


Baabwa verdünnt

Teil 3

Ich trau mich wetten. Auch wenn ich mir alles andere als sicher bin in einigen Kategorien. But – here it is:

Film: Argo. Noch nie hat Mitleid für einen vergessenen Regisseur – und Star, den alle lieben – einem Film einen derartigen Auftrieb gegeben. Plus Argo hat von Golden Globes bis Directors-, Writer-, Producers Guild, Baftas und Cesars alles gewonnen. Argo all the way. And #ArgoFuckYourselfAcademy. Weil der Film es verdient, und das mit Mitleid gar nichts zu tun hat.

Runner up: Silver Linings Playbook

Regie: Steven Spielberg. Das ist nun der wahre Mitleids-Oscar. Lincoln wirds bei aller Liebe der Amis zu patriotischen Themen nicht als Bester Film schaffen, weil viele Mitglieder der Academy keine Amis sind. Daher wird Spielberg mit dem Regie-Oscar belohnt.

Schauspieler: leichteste Wette – Daniel Day-Lewis.

Schauspielerin: schwierigste Wette – ich tippe auf Emanuelle Riva. Könnte auch der so genannte ‚consolation prize‘ sein, falls Amour sonst nichts gewinnt – siehe unten. Runner up: Jessica Chastain

Nebendarsteller: Robert DeNiro. Weil er in Silver Linings Playbook die beste Performance seit 10 Jahren gab. Weil er in Interviews und bei öffentlichen Auftritten plötzlich zum sensiblen Menschen mutierte, der in ganzen Sätzen sprach. Weil Tommy Lee Jones ein alter Grantscherm und schlechter Verlierer ist. Und ja – weil das alles zusammen NATÜRLICH! die Oscarvoters beeinflusst.

Runner up: Christoph Waltz – sein Nachteil ist hier, dass er in der falschen Kategorie nominiert ist. Er ist Hauptdarsteller.

Nebendarstellerin: Ich sags ungern, aber den hat die Hathaway in der Taschn. Für unerträgliche 25 Minuten schlecht singen und lang sterben. Aber PR, die beherrscht sie. Plus: Es gibt keine wirkliche Konkurrenz außer vielleicht Sally Fields. Hier eine wunderbare Hathaway-Parodie von einer, die viel besser singt:

Auslandsfilm: Amour. Trotz aller Unkenrufe. Ich glaube, das wird der einzige Oscar für Haneke werden. WENN den meisten Oscar-Votern das „ständige Windeln wechseln‘ nicht zuviel“ – siehe Teil 2

Song: Skyfall. Adele ist hier konkurrenzlos.

Filmmusik: Life of Pi

Dokumentarfilm: Searching for Sugarman. Runner up: The Gate Keepers, aber ich glaube an ersteren.

Adaptiertes Drehbuch: Silver Linings Playbook. Ein verdienter Preis für einen wunderbaren Film, der den Hauptpreis vermutlich verpassen wird.

Original Drehbuch: Django Unchained. Tarantinos einzige Chance

Und weils Spaß macht, noch ein paar technische Prophezeiungen:

Kostümdesign: Anna Karenina

Sound Effects und Sound Effects Editing: Skyfall

Kamera: Life of Pi

Visual Effects: Life of Pi

Make up & Hair styling: Les Miserables. Für Dreck im Gesicht und Anne Hathaways Haarschnitt. Ja, ich weiß…

Sound Mixing: Les Miserables – keine Challenge war größer als Schauspieler, die nicht singen können, es aber live tun mussten, so zu mischen, dass nicht jeder schreiend das Kino verlässt.

 

Teil 2

Im Branchenblatt Hollywood Reporter sorgen die Aussagen eines (anonymen) Oscar-Voters für Aufruhr. Die französische Diskussion um Michael Handke. Und andere Oscar-Prophezeihungen.

Ein Regisseur nennt Argo „eine Riesenmenge Nichts“, Django Unchained „Tarantino’s Hirnwixerei‘ und sagt, warum er nicht für Amour gestimmt hat – „denn ich halte nicht soviel Windeln wechseln aus“. Er bleibt – natürlich! – ungenannt, aber der Regisseur, eines von 371 Mitgliedern des Regiezweiges der Academy, verriet seine persönliche Wahl und würzte sie mit scharfen Bemerkungen. Hier die besten Originalzitate:

Bester Song: „If ‘Skyfall’ does not win I will fillet my next-door neighbor’s dog.”

Best Make up & Hair Styling: „I guess I’m going to vote for Les Miserables here, only because of how well they aged Hugh Jackman. And I think they did a good job beating the shit out of Anne Hathaway, as well.”

Best Documentary Feature: „I think that Searching for Sugar Man is going to win, and I’m going to vote for it because I just felt like a million bucks after watching it — and I bought Rodriguez’s album.” (dem kann ich mich anschliessen! Unglaublich gute Doku)

Beste Regie. „I would have voted for Bigelow — I certainly nominated her and Affleck. That leaves Lincoln, which I don’t feel is the best-directed film of the year – [but] Spielberg deserves an Oscar every 10 years or so out of respect for what he does for the industry.“

Beste Nebendarstellerin: „Anne Hathaway, who’s going to win because she makes you cry and because I find her charming. Sometimes it’s one scene that wins it for you. Not just anybody can come in and kill one song; there are many songs that Hugh Jackman and Russell Crowe should have killed, and, in fact, they killed them literally.” (das stimmt, aber Anne Hathaway halt ich persönlich nicht aus.)

Beste Hauptdarstellerin: „I didn’t like Amour, but I think Riva was extraordinary in it. Chastain was just fantastic in Zero Dark Thirty — she is the major star of tomorrow and probably has another 10 Oscar nominations in her future. Meanwhile, Emmanuelle Riva may not even live through Oscar night, so …” (auch ein Grund: gebt der alten Dame einen Oscar, weil sie eh bald das Zeitliche segnet…???)

Bester Nebendarsteller: „I rule out Christoph Waltz because this is a fake nomination — he’s a co-lead with Jamie Foxx, and it’s unfair for the others to compete with that. – (damit hat er vollkommen recht, Waltz hätte als Hauptdarsteller ins Rennen gehen müssen)  Tommy Lee Jones has been such a bitter guy — all that scowling at the Golden Globes? I’m telling you, people don’t like the guy. So I turn to Philip Seymour Hoffman, who was sublime in The Master.“

Bester Hauptdarsteller: „“I would be surprised if Daniel Day-Lewis doesn’t get 80 percent of the vote — people like and respect him and also the character. I’ll bet you that none of the other nominated guys have even written a speech.“

Bester Film: „“This is a preferential system. I’m putting Amour at No. 9 because I’m just pissed off at that film. I’m basically OK with one of two films winning. Lincoln is going in my second slot; it’s a bore, but it’s Spielberg, it’s well-meaning, and it’s important. Zero Dark Thirty is my No 1.”

Über die anderen Kategorien, in denen Amour nominiert ist, hat der gute Mann auch kein gutes Wort zu verlieren:

Kein Regie-Oscar für Haneke:  Amour is purely a performance piece; besides, Michael Haneke has pissed me off in the past because he’s made movies that are so misanthropic. He just hates human beings, and I happen to be a human being and don’t like being shit on.

Kein Drehbuch-Oscar für Haneke: “Amour is immediately disqualified — it’s just a woman dying, and there’s no real story, and it made me feel like shit. There’s only so much diaper-changing that I can tolerate.“

Kein Auslands-Oscar: “I’ve seen all of the nominees at official Academy screenings held over the past few weeks. You go into that theater, you sit there, you look around, and you just hope that there’s an ambulance outside because a lot of the members in attendance must have aged out of AARP at this point. I really wonder if these people are going to vote for Amour, because they’re really looking at themselves and they’ve gotta be saying, ‚This is what’s in my future? This is f—ing depressing.‘ It’s depressing for people who are dying and for people who have to take care of people who are dying. It’s like, who needs that shit? I personally didn’t care for it.“ (Ich habe keinen Zweifel, dass sich der Herr hier in der Minderheit befindet – Amour wird diese Kategorie gewinnen)

Und sonst? Mein französischer Kollege Ramzi Malouki wirft in seiner Oscar-Berichterstattung auf Canal+ die (berechtigte) Frage auf, ob sich nicht Österreich und Frankreich den Amour-Oscar teilen sollten. Schliesslich ist der Film vorwiegend mit französischem Geld finanziert. Sein Bericht löste in Frankreich heftige Diskussionen aus – der Nationalstolz brach durch, denn die Franzosen haben Haneke längst (wie anno dazumal Romy Schneider) als einen der Ihren adoptiert.

Teil 1

Technische Snafus, allgemeine Preisverleihungsmüdigkeit und arge Verschwörungstheorien – noch nie war die Oscarwahl kontroversieller.

Der dereinst Oscar-nominierte Regisseur (für Der Untergang) Oliver Hirschbiegel ist kein Computerei. Er kennt sich mit der Technik genauso gut aus wie jeder durchschnittlich Computer-affine Mensch der Neuzeit. Daher grenzen seine Versuche, den Oscar-Wahlzettel online auszufüllen, an eine Komödie. Wenns nur nicht so traurig wär…

„Hänge zum vierten Mal seit Stunden am Telefon mit dem Tech-Support der Academy“, emailt er. „Wollte gerade versuchen zu wählen… Ich glaube, das Ganze ist ne Candid Camera Nummer…“

„Okay, und wenn Du dann Deinen ‚VIN Code‘ bekommen hast und Dein selbst erstelltes Password eingibst, um dann zum Voten Deinen ‚Security Code‘, den Du per SMS von der Akademie erhalten hast, eingeben möchtest, erhältst Du folgende Rückmeldung:“

„Dann rufst Du den Support an, und der sagt Dir dann, man müsste Dir ein neues Password schicken. Allerdings darfst Du es dann erst wieder in 24 Stunden versuchen, da Du sonst ausgelogged wirst…“

Und so weiter und so fort… Dabei sei erwähnt, dass Hirschbiegel ja wirklich Besseres zu tun hat, als sich stundenlang mit Oscar zu beschäftigen – er schneidet seinen Diana-Film in London. Und die Location dürfte ein Grund für die technischen Probleme sein, aber nicht der einzige. Sagt Regie-Kollege Peter Medak: „Ich war in Europa, und es war komplett unmöglich, online zu voten. Dann kam ich nach L.A. zurück und versuchte es hier. Ebenfalls ein Desaster. Letztlich rief ich an und ließ mir den Papierzettel schicken.“

Produzent Glenn Williamson (American Beauty, Hollywoodland und das nächste Ruzowitzky– Projekt) meinte Montag beim Lunch: „Ich fahre jetzt zur Academy, um zu voten.“ – „Was heißt, Du fährst jetzt ZUR Academy?!“ – „Ich muss mich an einen Computer bei denen setzen, sonst funktioniert das nicht.“

Zur Erinnerung: wir schreiben das Jahr 2013. Oder?

Die technischen Snafus begannen schon beim Nominieren. Und weil vom 371 Mitglieder-starken Regiezweig der Academy viele Probleme hatten, macht eine ganz böse Verschwörungstheorie die Runde: „Der ganze Aufreger um den vergessenen Ben Affleck? Ich kann mir das nicht erklären, habe mit vielen meiner Kollegen gesprochen, und wir haben alle für ihn gestimmt.“ Erzählte mir ein Oscar-Voter. „Aber bei mir und vielen anderen ist dabei folgendes passiert: „Wir klicken auf Ben Affleck, und es kommt plötzlich Benh Zeitlin. Ja, der Regisseur von Beasts Of The Southern Wild! Ich musste es mehrere Male wiederholen, aber was, wenn das jemand nicht gemacht hat?“

Ja, was?!
Es ist schön, dass es die Oscars seit 85 Jahren gibt. Die Technik der Academy sollte sich aber eher nicht diesem Alter anpassen.

Morgen: Siegerwetten und Gemischte Gefühle in Sachen Haneke

24. Februar 2013  / 03:40 Uhr  / by Elisabeth Sereda  / 0 Kommentare  / Labels Friends, Elisabeth Sereda

Kommentar schreiben

Du musst Eingeloggt werden um kommentieren zu können.

Jetzt Isa Trends Abonnieren?

Bitte E-Mail Adresse eingeben.

>>Abonnieren

MAGAZIN COVERS