Renee Zellweger

Seit Wochen kotzen sich die Gazetten über Renee Zellweger aus. Mir kommt dabei genau das. Bevor ich mich übergeben muss, schreibe ich hier lieber einen Wutblog.

Denn mir stinkt die herablassende Berichterstattung über das Aussehen von Frauen. Über angebliche Operationen, untermalt von absichtlich schlecht retuschierten Fotos und unrecherchiertem Gossip. Das mag von diversen Billig-Buntpapieren nicht anders zu erwarten sein. Von sogenannten „seriösen Medien“ erwarte ich mir Besseres. Dass sie Non-Storys wie diese elegant übergehen, etwa. In Frauenzeitschriften will ich wütende Artikel gegen derlei frauenfeindliche Geschichten lesen. Kolumnen von ReporterInnen, die eine Sensibilität zeigen, die im Jahr 2014 angebracht ist.

Stattdessen sind es gerade diese Frauenzeitschriften – darunter auch jene österreichische, die bei mir das Fass zum Überlaufen brachte –, die Gesichter und andere Körperteile auf Doppelseiten breit treten. Mit geheucheltem, verlogenen Mitleid über die armen, berühmten „Opfer“, deren Psyche so krank sein muss, dass sie sich nur noch plastisch helfen können. Gespickt mit den Meinungen angeblicher Experten, allen voran immer der obligate Schönheitschirurg, der dann aufgrund von schlechten Fotos eine Meinung abgibt. Ohne die betroffene Person je in natura gesehen zu haben. Solchen Ärzten sollte die Lizenz entzogen oder wenigstens Mundverbot erteilt werden. ChefredakteurInnen, die diese Ferndiagnosen abdrucken, sollten sich vor Scham verkriechen und an ihren Mea-Culpa-Leitartikeln feilen. Ich wünsche mir Sibylle Berg und Caitlin Moran, die als Heilige Johannas von Orleans in diese Redaktionen reiten und mit metaphorischen Schwertern die Druckmaschinen außer Kraft setzen. Oder zumindest mit ihren beachtlichen verbalen Waffen die gemeine Niedertracht zum Verstummen bringen.

Renee Zellweger war ein paar Jahre von der Bildfläche verschwunden. Nach einem Drehmarathon nahm sie sich eine Auszeit, während sie auf die Fertigstellung des Drehbuches für Bridget Jones Teil 3 wartet. Zellweger ist nun 45, ein schwieriges Alter für eine Hollywoodschauspielerin. Schwierig, weil die Rollenauswahl geringer wird, weil sie in der Phase zwischen Mädchen, Mutter und weiser Charakterrolle steckt, und weil es nur eine Handvoll Schauspielerinnen gibt, die sich mit über 40 (und 50 und 60) noch eines reichhaltigen Angebots erfreuen können. Ich behaupte, Zellwegers Talent ist groß genug, dass sie zu dieser Handvoll gehört: Sandra Bullock, Julianne Moore, Cate Blanchett, Meryl Streep, Tilda Swinton, Nicole Kidman, Naomi Watts, Susan Sarandon… Sie ist vielfach preisgekrönt, und sie hat ihre Karriere nicht als Sexsymbol begonnen. Oder aufgrund ihres Aussehens. Ihr größter Erfolg war als übergewichtige Bridget Jones. Ihren Durchbruch hatte sie Jahre vorher mit Jerry Maguire, in dem sie dem manischen Tom Cruise den Kopf verdrehte. Mit einer quirligen Persönlichkeit, und wenn wir schon übers Aussehen reden müssen: mit zusammengeniffenen Augen, Pausbäckchen und dem, was Magazine damals nett gemeint als charmante „duck lips“ bezeichneten. In einer britischen Klopapierzeitschrift wurde ihr jetzt unterstellt, neben Zertrümmerung und Neuaufbau ihrer Wangenknochen, einer Oberlidstraffung und Fettabsaugung wären auch ihre Lippen aufgespritzt. Wenn es nicht so widerlich wäre, müsste man lachen.

Ich habe Zellweger in den letzten 20 Jahren regelmäßig gesehen, das letzte Mal eine Woche nach ihrem Auftritt, der die Mobbing-Welle ausgelöst hat. Sie sah natürlich älter aus. Und dabei meine ich – natürlich im Gegensatz zu unnatürlich. Sie ist schlanker, das Babyfett auch aus dem Gesicht verschwunden. Die Schlupflider sind nicht mehr ganz so stark, wie ich sie von vor drei Jahren in Erinnerung habe. Hat sie sich die Lider operieren lassen? Keine Ahnung. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man mit angeborenen Schlupflidern irgendwann nicht mehr aus den Augen schauen kann. Dass die eingeschränkte Sicht vor dem Computer oder dem Fernseher müde macht. Und dass Mann wie Frau oft keine Lust hat, wie ein Dackel daherzukommen. Der Eingriff ist notwendig (wird zumeist von der Krankenkasse bezahlt), simpel und erzielt ein hohes Resultat.

Was immer Renee gemacht hat, sie sieht nicht gemacht aus. Sie strahlte von innen wie von außen. Ich kenne sie als liebenswerte, ehrliche, offene, sensible Person. Sie ist eine der nettesten Schauspielerinnen in Hollywood, die nie ein schlechtes Wort über jemanden sagt, die nie arrogant oder unecht ist. Ist sie unsicher? Selbstverständlich, welche Schauspielerin, welche Frau ist das nicht? Hat sie Probleme mit dem Altern? Ganz sicher, wie wir alle. Doch selbst wenn sie sich entstellen lässt wie Joyce Wildenstein (die New Yorker Socialite, die sich umoperieren ließ, um wie ihre Lieblingskatze auszusehen) hat sie die mediale Häme nicht verdient. Schon gar nicht von ihren Geschlechtsgenossinnen.

Denn genau das löst bei mir Zustände aus: wenn Frauen Frauen degradieren. Und ich bekenne mich durchaus schuldig. Auch ich habe die Abendkleider der Stars kritisiert, Witze über Kim Kardashians Arsch gerissen und über Katie Prices Schlauchbootlippen gelacht. Ich könnte hier zur Entschuldigung vorbringen, dass diese beiden ihre Bekanntheit keinem Talent außer dem der Selbstpromotion verdanken, aber okay ist selbst das nicht. Wir mögen 2014 schreiben, aber auch in der westlichen Welt sind Frauen immer noch nicht gleichgestellt. Wir kennen die Statistiken von Benachteiligung im Job, bei Bezahlung, etc. Das gilt übrigens auch für Hollywood. Kein einziger weiblicher Superstar verdient genausoviel wie sein männlicher Counterpart, nur 11% der Regisseure und 14% der Produzenten sind weiblich.

Frauen sind notorisch schlecht im Steigbügelhalten, ein Talent, das Männern offensichtlich angeboren ist. Anstatt uns gegenseitig unter die Arme zu greifen, anstatt uns gegenseitig zu promoten, Seilschaften aufzubauen und einander zu fördern, sitzen wir lieber beim Aperol Spritz und gossipen darüber, wer zuviel Botox im Hirn und wie sich Soundso schon wieder angezogen hat beim letzten Society-Event. Auf den internationalen roten Teppichen ist daraus eine ganze – ekelhafte – Industrie entstanden, die jeden abgesplitterten Nagellack kommentiert und jeden Millimeter Nachwuchs in Großaufnahme zeigt.

Freundinnen, Kolleginnen, Schwestern, Geschlechtsgenossinen: Joan Rivers ist tot. Begraben wir mit ihr doch auch die kleinen und großen Niederträchtigkeiten, die vergleichenden Seitenhiebe, das bösartige Bitching. Und vor allem das Pseudo-Mitleid und die herablassende Heuchelei über die Psyche von berühmten Frauen, denen 99% von uns noch nie begegnet sind. Konsumieren wir Medien nicht mehr, die Frauen degradieren und unsere eigenen Seelen zumüllen. Halten wir einander die Steigbügel.

Nachsatz: ich habe absichtlich keine Fotos von Renee Zellweger zu diesem Blog gestellt.

13. November 2014  / 16:00 Uhr  / by Elisabeth Sereda  / 1 Kommentar  / Labels Friends, Elisabeth Sereda

1 Kommentar

  1. das Leben ist hart…immer muss man die anderen übertreffen.
    Als Schauspieler/in mittels Jugendwahn, als Schreiber/in mittels
    noch reisserischerer Berichterstattung als die Konkurrenz…
    Zeit für Recherche ist nicht…da dann kommt das raus, was uns
    jeden Tag zum Kauf vorgelegt wird.


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