Die endlose Oscarnacht

Sonntag, 15:00. Abfahrt in der Stretchlimo zur Elton-John-Viewing- und -Afterparty mit 6 netten jungen Österreichern, die von SKIP und Syoss diese Oscar-Reise gewannen. Wir brauchen eine Stunde für eine Strecke, die sich normalerweise in 25 Minuten erledigen lässt. Beim Aussteigen nieselt es. Klar, es ist Oscars, und seit Jahren einer der wenigen Tage im Jahr, an denen Kalifornien dringend benötigtes Wasser kriegt. Murphy’s Law. Aber während vor dem Dolby Theatre die Überdachung einreißt und den Red Carpet einwaschelt und sämtliche Monacos, Louboutins und Jimmy Choos ertränkt, bleiben wir am weißen Teppich wenigstens trocken.

Was man von vielen Gästen bei der EJAF-Party nicht behaupten kann: Wie schafft man es, sich innerhalb einer Stunde Cocktails vor der Show in Torkelzustand zu versetzen?! Die Betrunkenen sind aus Deutschland.

17:30. Showbeginn. Die Hoffnung, dass Neil Patrick Harris witziger ist als seine Vorgänger, wird schon beim ersten Gsangl enttäuscht. JK Simmons gewinnt erwartungsgemäß den ersten Award, hält eine wunderbare Rede über „Du sollst deine Eltern ehren“ und wird vom Orchester von der Bühne geblasen. Bei uns wird der 2. Gang serviert, in der ersten Werbepause gehen unsere Gastgeber Elton und Ehemann David Furnish auf die Bühne und sagen uns, dass wir nicht da sind, um die Oscars zu schauen, sondern um AIDS zu bekämpfen. Was angesichts der schlechten Show echt super klingt.

Ich muss aufs Klo. Die „Andy Gump Toilets“ (ja, die portablen Toiletten heißen wirklich so, haben aber mit Forrest nichts zu tun) sind am anderen Ende des Festzeltes, und auf dem Weg stolpere ich über die unsägliche Veronika Ferres, der ihr Mann Karsten Irgendwas (Mischmeyer?) hier alljährlich 2 Karten kauft. Gleich neben ihr die noch unsäglichere Heidi Klum mit ihrem 12-jährigen Boyfriend Vito Schnabel, der natürlich nicht 12 ist, aber so aussieht.

Zum Glück retten mich Rob Lowe und Aaron Paul (der herrliche Jessie Pinkman aus Breaking Bad) vor der schleichenden Vermutung, dass ich in Mainz, wie es singt und lacht, gelandet bin. Nein, ich bin in Hollywood, und da drüben sitzen Russell Simmons und Miley Cyrus und Alec Baldwin und Ozzy Osborne, und die Welt ist in Ordnung.

Der blaue Elton mit Sharon & Ozzy Osborne
18:17. Doogie Howser ist immer noch nicht lustiger, aber meine Gewinner sind so super aufgeregt und begeistert, dass sich mein über Jahrzehnte hart erarbeiteter Zynismus kurzfristig verflüchtigt und ich ihnen helfe, Fotos mit Stars zu bekommen. The Grand Budapest Hotel gewinnt inzwischen einen technischen Oscar nach dem anderen, Kurzfilme, die keiner gesehen hat oder je sehen wird, ruinieren meinen perfect score auf dem Wettschein, und die Verleihung geht in das, was Experten „slump phase“ nennen – jene Phase, in der tödliche Langeweile einsetzt und mindestens 2 Stunden nicht aufhört. Wir wachen kurzfristig auf, als Marion Cotillard in einem Duschvorhang auf die Bühne kommt. Am Tisch hinter uns unterhalten sich Darsteller aus Glee und die neu erblondete, sehr hübsche Gillian Anderson sehr nett mit drei unserer Gewinner, die überglücklich sind.

Ich komme drauf, dass meine von mir so geliebte Zac-Posen-Robe eindeutig ein Steh- und Gehkleid ist. Beim Sitzen piekst das Korsett, was ich nicht wissen konnte, weil ich bei den Golden Globes keine Sekunde zum Niedersetzen hatte. Am Riesenbildschirm gewinnt – erwartungsgemäß – Patricia Arquette und hält die 2. großartige Rede des Abends. Feurig um Gleichberechtigung. Meryl Streep klatscht begeistert, was neben ihr J.Lo aufweckt, weil sie merkt, sie wird auch grad gefilmt. J.Lo klatscht auch. Dann kommt Gwyneth „Conscious Uncoupling“ Paltrow und sagt „my good friend Tim McGraw“ an. Jo eh, Gwynnie, wir wissen, du hast ganz viele berühmte Freunde, pass lieber auf, dass dir nicht die blassrosa Blume auf der Schulter die Sicht auf den Teleprompter nimmt.

Social Media explodiert ob der dümmlichen Witze und der Tatsache, dass das Orchester einen Gewinner nach dem anderen von der Bühne spielt, wenn sie sich bei toten Verwandten bedanken. Ich merke, eine Verkühlung ist ein ganz schlechtes Oscar-Accessoire, weil man nicht trinken kann, und wer hält das alles ohne Alkohol aus?! Ich tweete das, worauf mir Guido Tartarotti antwortet, eine Verkühlung lasse sich nur mit Alk ertragen, und „go have a gin and tonic“. Guido, du bist schuld. Ich gehe an die Bar und genehmige mir den ersten von drei doppelten Tequila-Shots. Auf dem Weg sehe ich Beck und Gladys Knight und Smokey Robinson, frisch gebotoxt. Er kann keine Miene verziehen, als sich drei besoffene Weiber an ihn schmeißen, aber vielleicht will er das eh nicht. Plötzlich steht Robert Duvall da. Er war gegen JK Simmons nominiert. „I had to get out of the Dolby, it got boring“, sagt er zu Elton. Tell us about it. Sia zeigt ihr Gesicht, aber leider auch das Tischtuch, das sie anhat.

Sia

Neil/Doogie macht einen geschmacklosen Witz, in dem er „treason“ (Hochverrat) statt „reason“ (Grund) in Zusammenhang mit Edward Snowden sagt. Die Snowden-Doku Citizen Four gewinnt, und wir fragen uns, was die Academy wohl mit dem State Department ausgemacht hat, damit Filmemacher Laura Poitras und Glen Greenwald diesmal ohne stundenlange Verhöre einreisen durften. Poitras hält eine flammende Rede für Snowden und gegen staatliche Überwachung. Ob sie nun leicht wieder ausreisen darf?

19:54. Na, bitte ned, Doogie in der Unterhose als Hommage an Birdman. Michael Keaton lacht gequält in die Kamera, Alejandro Iñárritu tut nicht mal so, als fände er das lustig. Und dann endlich: der beste Song und die einzige Performance, die es wert war, dran zu bleiben. John Legend und Common singen das wunderbare „Glory“ aus dem wunderbaren Selma. Danach kommt der Schuhpasta-gefärbte John Travolta, der immer mehr wie ein besonders gruseliger Eddie Munster aussieht, mit Idina Menzel und macht den Witz, auf den keiner gewartet, den aber jeder befürchtet hat, über Nadelle Azeem oder Adele Nazeem und den Versprecher vom letzten Jahr. Dann küsst er auch noch Scarlett Johansson, die genauso erstaunt ist wie wir, dass er heute Frauen mag. Und dann gewinnt „Glory“. Hallelujah, das erste Mal seit Jahren, dass der eindeutig beste Song den Oscar kriegt (im vergangenen Jahr verloren U2 an Nadelle Azeem). Wir gehen an die Bar, ich trinke Shot Nummer 2.

20:11. Endrunde. Jetzt gewinnen hintereinander alle meine Lieblinge. Der entzückende Eddie Redmayne hält eine entzückende Rede, die nette Julianne Moore spricht über Alzheimer. Sean Penn übergibt den Hauptpreis, machts haha spannend und einen blöden und beleidigenden Witz über Greencards – hey, Sean, wenn du mal fähig bist, eine zweite Sprache zu sprechen, reden wir weiter – , bevor die Mexikaner von Birdman auf die Bühne springen und sich mit vielen von uns freuen, dass sie den langweiligen Boyhood geschlagen haben. Alles ist gut und Grund genug, meinen 3. doppelten Tequila zu trinken. Neben der Bühne sitzt Elton und wartet darauf, die Versteigerung anzusagen. Denn jetzt bekämpfen wir ja wieder AIDS, nicht Doogie Howser.

Elton sieht immer mehr aus wie Frau Holle. Ich hätte so gern das Riesenfoto von Joan Didion mit den Dior-Brillen, aber leider keine $ 70.000 rumliegen. Dann spielt Nile Rogers auf, und Elton spielt Klavier. Großartig, bester Live-Act seit Jahren. Oldie but goodie. Und ich muss nach Hause, den letzten Beitrag schneiden. Draußen prasselt der Regen, neben mir knutscht die Klum mit ihrem Boytoy, irgendwer sagt, Regen ist nur bei Hochzeiten ein gutes Omen, nicht bei Oscars. Und irgendwie kommen wir von den Hochzeiten nicht mehr weg, als sich Peter Fonda einmischt, und alle beschließen, ein zweites oder drittes oder viertes Mal heiratet man sowieso nur am Strand von Tahiti in Flipflops. Ein seltsames Ende zu einem seltsamen Abend. Oscars eben.

Fotos: Charley Gallay/Getty Images for Neuro, Jamie McCarthy/Getty Images for EJAF, Dimitrios Kambouris/Getty Images for EJAF, ROBYN BECK/AFP/Getty Images, Kevin Mazur/WireImage

23. Februar 2015  / 20:09 Uhr  / by Elisabeth Sereda  / 0 Kommentare  / Labels Friends, Elisabeth Sereda

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