Sex mit dem/der Ex

Vor einigen Tagen hat der von mir sehr geschätzte Kollege Guido Tartarotti einen Tweet abgeschickt:

Natürlich klickte ich nach diesem Teaser auf den Link:
„Was es über euch aussagt, wenn ihr noch mit einem Ex’ befreundet seid“ ist der Titel dieser Kolumne aus der Welt.

Mal ganz abgesehen vom Deppenapostroph, der hier überhaupt nichts zu suchen hat und der informellen Anrede – wer ist mit einer Zeitung per Du und warum komm ich mir bei solchen Anreden immer wie beim Ikea vor? –, ist diese Zeile schon allein deshalb abtörnend, weil sie klingt wie eine Therapiestunde bei Frau Helga. Aber es wurde schlimmer. Der Autor (der sich nicht outet) hat hier vermutlich nur einen amerikanischen Internetlink abgeschrieben und den letzten, saublöden Satz selbst erfunden. Der Inhalt: Zwei – ja, was sind die eigentlich? – Professoren? Studenten? der Oakland Universität hätten 861 Menschen über ihr Verhältnis zum Ex-Partner ausgefragt und seien zu folgendem Schluss gekommen:
Menschen mit psychopathischen, narzisstischen oder machiavellistischen Zügen bleiben besonders häufig mit ihren Ex-Partnern befreundet.
Der gesamte Erguss hier: ‪http://to.welt.de/zZ1OdxV

Hier meine sehr persönliche Meinung zum Thema Freundschaft mit dem/der Ex: Es gibt viele Gründe, warum man befreundet bleibt und bleiben will.

1. Das beste Szenario – man ist nicht im Streit auseinander gegangen, sondern hat erkannt, dass man auf freundschaftlicher Basis einfach besser funktioniert. Ist mir zweimal passiert.

2. Man hat sich auseinander gelebt, in zwei verschiedene Richtungen entwickelt und teilt nicht mehr dieselben Vorstellungen für die Zukunft der Beziehung. Was nicht heißt, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, und gemeinsam hin und wieder auf ein Bier gehen ist super.

3. Der Trennungsgrund war schrecklich, der Herzschmerz groß, aber man konnte verzeihen, sich an die positiven Komponenten der Beziehung erinnern und nach einer Phase der inneren Heilung wieder miteinander kommunizieren.

Ich bin ein großer Fan des Verzeihens. Ich habe für mich erkannt, dass die Fähigkeit des Verzeihens nicht eine große Gnade für den anderen, sondern vor allem für mich selbst ist. Jemandem nicht zu verzeihen, ist, als würde man ihn auf dem Buckel mitschleppen. Und wer will das schon? Ein schweres Gepäck behindert. Es behindert die eigene Weiterentwicklung, die Kreativität und die Möglichkeit, für etwas Neues offen zu sein. Ja, Verzeihen ist manchmal verdammt schwer. (Das gilt übrigens nicht nur für den Partner oder Ex-Partner, sondern in allen Bereichen des Lebens, inklusive Job, Freunde und Familie – vor allem Familie!)

4. Jede Beziehung hatte ihr Gutes. Und wenn es nur die Tatsache war, dass man etwas gelernt hat. Dafür allein bin ich all meinen Exfreunden dankbar.

5. Wir haben uns ja mal geliebt. Die Liebe verschwindet nicht, sie mutiert nur. In eine andere Form, die der Freundschaft eben.

Natürlich sind Freundschaften mit dem/der Ex nur möglich, wenn nicht (nur) einer von beiden die geheime Hoffnung einer Wiedervereingung hegt. Wenn beide es tun, kommen sie möglicherweise wieder zusammen.

Sex mit dem Ex kann übrigens großartig sein (sofern beide gerade Single sind). In den USA nennt man das auch „fuck buddy“. Man weiß, was man kriegt, man respektiert einander, und man kippt nicht auf den/die Falschen hinein, weil der fuck buddy in punkto Beziehung ja bereits schon mal der/die Falsche war.

Ich bin mit den meisten meiner Ex-Partner befreundet. Diese Freundschaften zählen zu den besten in meinem Leben. Die Fähigkeit dazu ist ein Beweis für Herzensgröße, Evolution und Erwachsensein. Meiner Meinung nach…

Was den Artikel in der Welt betrifft, schließe ich mich voll und ganz Guido Tartarotti an: Fetzendeppert ist eine wunderbare Beschreibung.

22. Mai 2016  / 22:16 Uhr  / by Elisabeth Sereda  / 1 Kommentar  / Labels Friends, Elisabeth Sereda

1 Kommentar

  1. „Jemandem nicht zu verzeihen, ist, als würde man ihn auf dem Buckel mitschleppen.“…grossartiger Sager!!!


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