Die Flucht vor dem Dirndl

Beruflich muss ich jedes Jahr zur Sommerszeit nach Salzburg. Und die einzigen Orte dort, an denen ich mich nicht unwohl fühle, sind das Landestheater und die Perner-Insel. Leider kann man sich dort nur für kurze Zeit aufhalten, während der jeweiligen Vorstellung. Bereits in der beklemmenden Architektur der Festspielhäuser erfasst mich Atemnot.

Salzburg ist eine untote Stadt, ein Freilichtmuseum aus kalten Steinen mit Menschen dazwischen, die kalten Steinen immer ähnlicher werden. Eine Barockhölle, in der jedes zweite Gebäude entweder eine Kirche oder ein Trachtenmodengeschäft ist. Sensible Menschen können in Salzburg nur Künstler werden oder Selbstmord begehen (wofür Salzburg Mönchs- und Kapuzinerberg bereit gestellt hat), nicht selten auch beides.

Für eine gewisse Unterhaltung sorgen die Festspielpremieren, meist auch nicht wegen der Qualität des Gebotenen, sondern wegen des Theaters drumherum. Bei der Premiere von Ödipus auf der Perner-Insel – DAS war eine tolle Vorstellung, wenn man einen harten Popo sowie die Fähigkeit besitzt, sich von Sprache hinwegtragen zu lassen – konnte man im Pausenhof die beiden Jedermänner Peter Simonischek und Nicholas Ofczarek dabei beobachten, wie sie einander mit größtem Aufwand aus dem Weg gingen. Sogar, als das Gedränge sie irgendwann Schulter an Schulter schob, schafften sie es, einander nicht anzusehen.

Tags zuvor, bei der Jedermann-Premiere (auch Nicki Ofczarek kann aus diesem plumpen Text kein gutes Stück machen, aber er spielt einen abgrundtief bösen, scharfen Jedermann – hinreißend und viel zu gefährlich für das scheintote Publikum auf dem Domplatz) gibt es den üblichen Aufmarsch der Münchner Industriellen- und Wirtschaftsanwaltsgattinnen im Dirndl.

Ich weiß, ich mache mich jetzt hier unbeliebt, aber für mich ist das Dirndl das unerotischste Kleidungssstück der Welt. Die schärfste Frau sieht im Dirndl aus wie eine Handarbeitslehrerin. Im Dirndl hat jede Frau keine Beine, sondern nur Waden, einen zu großen Hintern und entweder keinen Busen oder einen absurd überdimensionierten. Außerdem wirkt eine Frau im Dirndl immer, als wäre sie einem entsetzlich faden Heimatfilm entfleucht. Oder wie ein Haflinger mit Schürze. Dirndl ist das Gegenteil von Erotik – Dirndl ist weggesperrte Erotik, der Sieg der Langeweile über den Sex.

Meine Volksschullehrerin trug immer Dirndl. Sie hatte ihr Haar zum Dutt geformt, verdrosch Kinder mit ihrem Kalender und war eine alte Nazi. Auf dem Domplatz hatte ich kurz das Gefühl, jede zweite Frau sei meine Lehrerin.

Ich finde Tracht überhaupt furchtbar. Tracht steht bei mir für Engstirnigkeit, Kulturlosigkeit, dumpfen Katholizismus, Unfreiheit. Insofern werde ich nie verstehen, warum jemand freiwillig die – noch dazu abartig unkleidsamen – Badehosen im Lederhosendesign anzieht. Als ich als Kind erstmals den Mut aufbrachte, die Krachlederne zu verweigern, empfand ich: Freiheit.

31. Juli 2010  / 16:53 Uhr  / by Guido Tartarotti  / 1 Kommentar  / Labels Guido Tartarotti

1 Kommentar

  1. Danke! Endlich mal die wahrheit ueber dirndln, lodenfreaks und den ganzen rest dieser entsetzlichsten landeshauptstadt oesterreichs. Da ist mir ja klagenfurt noch lieber, trotz der kaerntner. Die machen wenigstens nicht auf intellektuell. Uebrigens ist der trachtenwahn in salzburg der perfekte beweis dafuer, dass es gerade dort mit intellektuell und kulturell nicht weit her ist.


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