One Night in Bankov

Mein berufliches Ziel war die Ostslowakei.

Ich sollte abends, nach einem anderen Job, den Zug nach Kosice nehmen, dort am Folgetag eine Hochzeitsrunde schminken und am Nachmittag wieder gen Wien abreisen.

Am Nachmittag stieg ich in den Zug Richtung Budapest, wo ich in einen Regionalzug nach Kosice umsteigen sollte.

Mein reservierter Sitzplatz verschlug mich mitten hinein in eine Polterabendrunde.

Männlich, bayrisch, jung und vier Kisten Bier im Handgepäck.

Anfangs fand ich sie noch reizend mit ihren bedruckten T-Shirts: „BUDAPEST….GOODBYE GIRLS!“, da waren auch noch drei Kisten mit vollen Flaschen befüllt.

Als die Buben den Wagon mit Schlagermusik beschallten, wünschte ich mir jede Haltestelle sehnlich herbei, wo die feierwütigen Junggesellen fluchtartig den Zug verließen, um in den drei Minuten Zwischenstopp eine Zigarette zu rauchen und sich von Passanten dabei fotografieren ließen, wie sie als gesammelte Gruppe am Bahnsteig einen Handstand wagten.

Als ich vom Schaffner bei der Ticketkontrolle erfuhr, dass wir mit 40 Minuten Verspätung in Budapest einfahren werden, schmiss ich die Nerven.

Klartext:

Nächster Zug fährt am Folgetag, was bedeutet, dass ich eine Nacht in Budapest verbringen würde oder ein paar ekelhafte Stunden am Bahnhof verbringen müsste, um dann im Morgengrauen im Hotel anzukommen, wo ich eigentlich fit sein sollte.

Alternative: einen Zug bis Miscolc nehmen, welches an der Grenze liegt, und von dort mit dem Taxi nach Kosice weiterfahren. Ungefähre Fahrtdauer: 2 Stunden.

Beides irgendwie keine Option.

Beide Möglichkeiten eine absolute Katastrophe.

Mein Hirn leerte sich und meine innerer Yogi zwang mich, vorerst nichts zu tun und vor allem nicht auszurasten.

Fiel mir etwas schwer bei meinem feierlichen Umfeld.

Ich saß da wie versteinert und beobachtete den Bildschirm, der mit leuchtend roten Zahlen die Verspätung anzeigte.

Plötzlich sah ich, dass sich die roten 40 Minuten langsam verringerten und sich unsere Verspätung wesentlich verringerte.

Ich sprang von meinem Sessel auf und begab mich laufend auf die Suche nach dem Schaffner.

Zwölf Minuten bis nach Bratislava, und alle Passagiere waren bereits in Startposition: Ausnahmslos ALLE standen im Gang mit Kind und Kegel und machten einen glatten Durchgang unmöglich.

Ich drängte mich durch und klapperte einen Waggon nach dem anderen ab. Im fünften entdeckte ich den Herrn und fragte ihn keuchend, ob ich nicht doch eine Chance hätte, den Anschlusszug zu erwischen. Ich redete wie ein Wasserfall auf ihn ein, er sah mich emotionslos an, deutetete mir mit seiner Hand, innezuhalten und griff zum Telephon. Ich konnte weder verstehen, was er auf Slowakisch besprach, noch konnte ich an seiner Miene irgendeine Gefühlsregung erkennen.

Als er das Telefonat beendete, teilte er mir mit Seelenruhe mit, dass ich exakt hier an dieser Stelle mit ihm warten solle, bis wir Budapest erreichen, er wird mich zu dem vermeintlichen Zug begleiten.

Nicht wahr?

Doch!

Ich lief zurück zu meinem Platz, holte meine zwei Koffer und schnitt mir einen Weg durch die im Weg stehende Menschenmasse, die mich mit österreichischen, ungarischen und slowakischen Schimpfwörtern bewarf, dass mir ganz schwindlig wurde.

Kaum erreichte ich meinen Retter, fuhren wir auch schon in den Budapester Bahnhof ein. Gleis 12.

Er nahm einen meiner Koffer und deutete mir, dass ich meine Beine in die Hand nehmen soll und ihm folgen möge.

Wir liefen auf die anderen Seite des Bahnsteigs, sprangen einen halben Meter runter auf die Gleise, überquerten sie und hievten uns auf der anderen Seite zum nächsten Bahnsteig wieder hoch.

Bis zu Gleis 3.

Dort stoppte er mich, lief zum Lokführer, wechselte ein paar Worte mit ihm, schrie mir zu: „Go inside!!!“, ich schmiss mein Gepäck ins Innere des Zugs, als die Türen sich schon hinter mir schlossen und sich der Zug in Bewegung setzte.

Ich befand mich im richtigen Zug zur richtigen Zeit.

Leider hatte ich keine Gelegenheit, dem Schaffner meine ausdrückliche Dankbarkeit auszudrücken.

Ich suchte meinen Platz auf und konnte es nicht fassen.

Soll noch einer sagen, dass es keine hilfsbereiten Menschen mehr gibt.

Ich muss dagesessen haben wie eine Grinsekatze.

Fiel allerdings sofort in einen Tiefschlaf und wachte kurz vor Kosice auf, wo mich ein Taxi empfing und ins „Hotel Bankov“ fuhr und ich tags darauf einer wunderschönen Hochzeit beiwohnen durfte.

24. August 2016  / 13:12 Uhr  / by New York Girl  / 0 Kommentare  / Labels Uncategorized, New York Girl

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