Stücke vom Glück

Alles Routine. Öffentliche Auftritte sind für mich schon länger keine Zitterpartie mehr. Wer in einem Stundenhotel vorgelesen hat oder bei der Barbara-Karlich-Show seinen Senf zu einem tiefgründigen Thema wie  “Brauchen Männer mehr Sex als Frauen?” äußern durfte, ist für allerlei gerüstet. Nur wenn ich an nächste Woche denke, kriege ich erstmals wieder so etwas wie Lampenfieber. Nächste Woche nämlich bin ich “Stargast” in einer Schule. Nein, eh nicht als Sexkolumnistin – für 10 bis 14-Jährige soll ich mir etwas zum Thema “Glück” einfallen lassen.

Das ist natürlich eine schöne Aufgabe – ein glücklicher Bildungsauftrag, beflügelnd für Seele und Geist. Aber dann schaue ich mir die Pubertierenden in der Bim an und denke mir, Oida, wo beginnen, Oida, um nicht ausgebuht oder überhaupt ignoriert zu werden. Aber, bist du deppert, das wird sowieso meine letzte Sorge sein. Denn egal, wie ich es im Moment auch drehe und wende, eines ist fix, Oida: Wo bitteschön ist gerade das Glück? Wo versteckt es sich? In der Vulkanasche des Unaussprechlichen? In den Calvin-Klein-Slips zockender Investment-Banker? Im BH der Angela Merkel? In den Händen eines Gottes, der gerade sein Mittagsschläfchen gehalten hat, als ein Achtjähriger auf dem Zebrastreifen zu Tode gefahren wurde? Da draußen, schwimmend, auf einem Ölteppich? Oder auf einer griechischen Insel? 

Das Glück zu suchen ist recht einfach. Es zu finden, wird in diesen Tagen immer komplizierter. Die Medien sind voll mit Krisen- und Katastrophenszenarien. Was werden wir morgen noch haben und sein?

Und trotzdem werde ich es versuchen. Ich werde sagen, dass es jeder drauf hat, glücklich zu sein -  gänzlich unabhängig davon, was da draußen passiert. Glück, auch das werde ich sagen, hat oft einmal nichts Pompöses. Es ist winzig, ein Puzzlesteinchen. Das erste Schoko-Eis an einem ersten warmen Tag. Der erste Kuss. Der Geschmack eines Wiener Schnitzels nach einem langen Schnupfen. Die Pfoten eines jungen Hundes. Ein Vierer auf Mathe, obwohl man dachte, es sei ein Bomben-Fleck. 

Petitessen, stimmt. Aber ohne sie wäre das Leben verdammt flach. Denn: “Es weit gebracht zu haben, ist nicht am wichtigsten: Was am Ende wirklich zählt, ist nicht die Weite, sondern die Tiefe.” (Cornelius Tracewell)

18. Mai 2010  / 15:56 Uhr  / by Gabriele Kuhn  / 33 Kommentare  / Labels Gabriele Kuhn, Uncategorized

33 Kommentare

  1. ich esse auch alles, und indische fleischlaberln klingen nach etwas, was ich unbedingt haben will!

    wobei: heißt das, die sind dann ohne kuh? oder mit kuh und dann heilige fleischlaberln?

  2. Ich ess alles! :-)

  3. Indische Fleischlaberln können nur gut sein – in der Erwartung, dass Curry drin ist, hmmm, werde ich vielleicht sogar zwei davon mampfen (kommt auf die Größe an) @Elisabeth: Das, was Du da schilderst ist “Flow”, geiles Gefühl. Und natürlich geht nix über chinesische Weisheiten ;-) Liebe Grüße, neun Stunden zurück…

  4. bin ein bisserl langsam, weil 9 stunden hinten nach (und im leben noch viel mehr und kann deshalb einige eurer glücks/unglücksbeispiele noch nicht nachvollziehen;) glück ist für mich immer nur, wenn ich total im moment lebe: das passiert beim schreiben (nichts journalistisches, sondern was schwierigeres, längeres und alles fliesst wie von selbst und ich vergesse zeit und raum) und beim lachen mit freunden und beim kochen – ja, Rudi, ich will auch die indischen fleischlaberln, aber nicht nur essen, sondern auch machen lernen! Und bitte wartet damit doch bis ich nicht mehr 9 std hinten nach bin! ich nehm auch den besten wodka mit! @guido: ich geb dir recht, was die therapeuten betrifft, hatte dieselbe erfahrung. erstaunlich ist, dass die worte, die einem wirklich helfen, oft aus den ungeahntesten ecken kommen, kürzlich wars ein satz meiner chinesischen kräuterärztin…

  5. Gratuliere zum meistkommentierten Blog bisher – also wenn es auch indische Fleischlaberln sein dürfen (die kann ich besser als die Wiener) – dann koch ich die und spendiere auch das Bier oder Jack aus der Dose oder was immer ihr wollt ! Es macht einfach Spass Euch alle zu lesen !

    Und wenn die indischen Fleichlaberln gelingen, wird das ein klitzekleines, aber echtes Glücksgefühl… :)

    Und für CT gibt´s dann noch einen Bruce Willis Film !

  6. der club der noch nicht toten dichter.

    jaja, dichter bin ich, wenn ich schon dicht bin, und dann noch was drüber trinke.

    fleischlaberln sind für mich ganz nah am glücksgefühl!

  7. Ja, Isabella. Darfst du! Und wenn es ein paar Fleischlaberln dazu gibt, sind wir – glaub ich – auch nicht böse ;-) Im Übrigen sollten wir den Club der großen Philosophen gründen, Dichter ist ja nur der Tartarotti, hihi.

  8. wenn ihr alle so gern bier trinkt, darf ich euch einladen?

  9. wir brauchen noch einen kommentar, dann sind wir meist kommentierter blog….

  10. na klar! ich bin ja angeblich gern hahn im korb…

    ich verspreche auch, nicht so provokant zu sein wie hier

  11. Kann ich auch mit? ;-)

  12. oder zwo! gerne, gaby!

  13. Schöne Seele, dann wird’s auch gut sein für Dich. Prost. Gemma mal ein Bier trinken.

  14. ich war in einer bestimmten löebensphase bei insgesamt 5 therapeuten (ich bin sehr konsequent, wenn ich eine sache kennen lernen will). sie konnten mir null helfen, sie konnten mir nichts über mich sagen, was ich nicht längst wollte. ich habe immer gewusst, worauf sie mit ihren tricks hinauswollen, und ich fand ihre spielchen (”so, jetzt verteilen wir die teddybären im zimmer…”) lächerlich und infantil. und alle versuchten mich zu überreden, mir unschöne dinge schön zu lügen. nicht meins, und außerdem schweinsteuer.

    aber ich weiß, dass es für andere gut funktioniert,. und das ist gut so.

    ich empfand ehrliches denken mit mir selber, viel laufen, viel bier trinken und viel mit freunden reden dann die bessere therapie. niemals mehr kommt mir so ein quacksalber mit seinen ungewaschene klebeln an meine schöne seele!

  15. nö, ohne kinder nicht, ich hab seit 1998 kinder. aber das bedürfnis nach kindern hatte ich vorher überhaupt nie. null. keine sekunde.

    jetzt, wo sie da sind, will ich auch garnichtmehr ohne sie sein. mit kindern ist es ja so: hat man keine, weiß man nicht, was man verpasst. hat man welche, kann man nie wieder keine haben.

    ich seh das wahnsinnig ambivalent. sie haben mein leben mit etwas großartigem geflutet, von dem ich nicht wusste, dass es überhaupt existiert. aber sie haben mein leben für immer auf eine weise verändert, die mir nicht entspricht. ich bin durch sie weniger ich selber. und ich ertrag unfreiheit nicht. selbst, wenn ich karten für ein konzert hab, auf das ich mich sehr freue, bin ich am tag des konzerts sauer, weil jetzt mein abend schon feststeht, also unfrei ist. ich weiß, das kann ich niemandem begreiflich machen.

    ich hab durch die kinder die verdammte pflicht, für immer in diesem erwerbshamsterradl zu bleiben. das ist ein sehr unschöner gedanke, der aber ständig in mir denkt.

    was ich auch schlimm fand: dass, wenn man ein baby hat, alle welt von einem ERWARTET, man möge glückselig sein.in wahrheit ist man einfach nur fertig. fix. und.fertig. am ende der kraft. und dann kommen leut und sagen so verlogenen kas wie “ein blick in die babyaugen und man kriegt alles zurück”. wenn du um drei uhr früh einem absurd brüllenden kind in die augen schaust, seit sieben wochen nicht mehr geschlafen hast und dir klar wird, dass du in frühestens 18 jahren wieder schlaf oder auch sex bekommst, dann kriegst du gar nichts zurück, dann bist du auf dem emotionalen und vegetativen niveau einer amöbe. du bist einfach zu müde, um dein baby zu lieben.

    ich kenne übrigens einige frauen, die keine kinder haben und wollen und sehr zufrieden leben.

    und wenn ich schon beim schiachreden bin: ich fand schwangere frauen immer unschön. und eine geburt ist ein grauenhafter vorgang, wie ein kollege von mir so schön sagte, “ein blutiges gemetzel”. man sollte als mann möglichst nicht dabei sein, zumindsst nicht, wenn man die frau nachher noch als sexuelles wesen sehen will.

  16. WAAAAAAS????? Wie ging das? Du sagtest ohne Kinder und ohne Beziehung?!? Ich könnte nicht ohne mein Kind leben. Nicht mal für eine kurze Zeit! Aber da sind Mütter wahrscheinlich anders.

  17. Lieber Guido, mag sein, dass ich in der Eile das Wort “bisher” vergessen habe. Ich bin mir aber sich, dass Du weißt, was ich meine. Therapeuten betreffend: Welchen Trottel hast Du erwischt, der Dich lehren wollte, Dich selbst zu belügen? Schlimm! Ich bin überzeugt, dass ein gutes Leben auch das Ergebnis von kontinuierlicher Entwicklung ist. “Positives Denken” halte ich für einen Schwachsinn, weil es alles mit Rosa zukleckert. Aber ein (guter) Therapeut kann helfen, sich seinen “Wunden” zu stellen. Das ist oft einmal schmerzhaft und hat mit Selbstlüge nichts zu tun, im Gegenteil. Kein Allheilmittel, stimmt. Aber besser als sich beharrlich vom Leben bestraft zu fühlen. Therapie und Innenschau sind im besten Fall ein schmerzhafter Prozess, der sehr befreiend wirken kann. Du sagtest es zu anfangs ja selbst: “Glück ist, wenn der Schmerz nachlässt.”

  18. nö, mitte 30. naja, einfach gelebt! für menschliche kontakte und auch für sex brauchst du ja keine beziehung.

    du brauchst in wahrheit nur eine beziehung: die mit dir selber. du musst mit dir selber zusammensein.

    ich lebe jetzt in einer beziehung, weil ich und meine freundin es so wollen. schauen wir, ob wir es morgen oder nächste woche auch noch wollen. wir leben aber nicht zusammen. das würde ich jedem empfehlen – getrennte wohnungen und viel getrennte zeit. denn zuviel nähe mordet mit absoluter sicherheit die erotik. sex und leidenschaft setzt eine gewisse fremdheit voraus.

    letztlich scheitert jede beziehung, absolut jede, weil mit der zeit die leidenschaft einfach nicht überleben kann. am grausamsten scheitern diejenigen, die sich nicht trauen, sich zu trennen.

    der mensch ist für monogamie und ewigkeit nicht geschaffen.

  19. Wie hast Du das gemacht? Und wie alt warst Du da? 17? Zum Hervorragendleben gehört für mich zumindest eine Beziehung.

  20. ich habs probiert, man kann ohne beziehung und ohne kinder sogar hervorragend leben!

    ich hab keinen therapeuten. ich habs ausprobiert – ich kenne keinen größeren unsinn, ausgenommen astrologie. mir fehlt halt das talent zum lügen, auch das talent, mich selbst zu belügen.

    liebe gaby: du überlebst dein leben sowieso nicht.

  21. Ich hätte mein Leben nicht überlebt – ohne die Fähigkeit, das Glück wenigstens ein bissel zu sehen und daran wenigstens ein bissel zu glauben. Echt nicht.

  22. Lieber Guido! Ich würde an Deiner Stelle rasch den Therapeuten wechseln ;-) Stimmt, dass Kinder unfreier machen. Das ist aber auch gut so. Die totale Freiheit ist eine noch größere Last. Ich keine einige Leute ohne Kinder und ohne Beziehung. Die sind vom Glück ungefähr so weit entfernt wie Herbert Gartner von Bruce Willis.

  23. ich verzweifle an der ambivalenz des kinderhabens. es gibt nichts und niemanden, den ich mehr liebe, als meine kinder – gleichzeitig muss ich aber sagen, dass sie mein leben auf eine weise verändert haben, die ich nie wollte.

    sie sind das größte glück und die schlimmste belastung. und sie machen noch unfreier. und sie sind beziehungskiller.
    und sie erfüllen mein dasein mit angst und sorge um sie.

  24. ich sehe das leben so:

    zuerst wirst du ins leben genötigt, ohne dass dich wer um erlaubnis fragt. das leben besteht aus schmerzen und verlust, mit kurzen niederträchtigen glücksmomenten dazwischen, die dir so gemein den kontrast vor augen führen. dein leben verbringst du in totaler unfreiheit, weil dir der ererbszwang die möglichkeit nimmt, frei über deine lebenszeit zu verfügen. irgendwann hustest du blut, und dann bist du hin. eine hochgradig sinnlose veranstaltung.

    was kann man tun? man kann dem leben wenigstens mit gelassener verachtung ins schiache gesicht blicken, haltung und würde bewahren.

    kann man noch was tun? ja, sie können saufen! und das hilft? nein, aber es ist lustig! (das stammte jetzt von andreas vitasek).

  25. Guido: Das Weggehen nimmt (mir) aber nix vom Glück. Im Gegenteil: Es ist ein Glück, wenn sich die Kids so entwickeln können, dass sie die Kraft fürs “Ins Leben gehen” haben. Alles halten und konservieren zu wollen, macht unglücklich.

  26. Woll eigentlich schreiben: Das lass ich mir von niemandem vorschreiben, schon gar nicht von Therapeuten. Des kommt vom hudeln.

  27. Und @Christiane: noch einmal JAAA!

  28. stimmt. gleichzeitig aber auch die größte sorge. zudem bedeuten sie permanenten abschied – vom moment ihrer geburt gehen sie immer weiter von dir weg.

    und sie sind, obwohl großes glück, auch die größte anstrengung, die es gibt.

  29. Glück entsteht für mich auch aus der Fähigkeit, die Glücksmomente am Ende als Gesamtwerk zu empfinden. Ein zutiefst individueller Prozess – weil: Empfindung! Das kann man keinem vorschreiben, schon gar net von Therapeuten.

  30. Kinder sind Glück!

  31. das sind glücksmomente, nicht glück. glücksmomente sind möglich, aber selten. glück ist unmöglich, außer man lernt, sich selbst zu betrügen. das kann man lernen, die lehrer heißen “therapeuten”. amn lernt, sich das leben schön zu lügen und die scheiße zu übersehen.

  32. Glück ist, wenn der Schmerz nachlässt… Starkes Bild. Heißt das also, dass es, um Glück zu fühlen, erst einmal Schmerz braucht? Klar ist, dass es in unserer polaren Welt zum Schönen auch immer das Schlechte braucht, damit das Schöne gefühlt und geschätzt werden kann. “It takes the one to have the other” Und widersprechen muss ich Dir auch: Ich bin mir sicher, dass für uns hier Glück vorgesehen ist – aber selbstverständlich ist das eine Frage der Definition. Für mich ist ein Glück, wenn ich in der Früh eine Stunde mit dem Hund spazieren gehen und dabei eine Wiese riechen kann. Für den anderen ist’s eine Stromgitarre. Und für den nächsten, wenn sein Krebs auf eine Therapie anspricht…

  33. glück ist, wenn der schmerz nachlässt.

    davon abgesehen ist für uns hier kein glück vorgesehen. wenn man das einmal akzeptiert hat, lebt man ganz gut.


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